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Magersucht 


Unter
Magersucht versteht man ein Krankheitsbild, dass als Ausdruck eines seelischen Konfliktes zu einem extremen Gewichtsverlust führt. Essen bzw. Erbrechen sind nicht nur physiologische Vorgänge, sondern bereits in der frühesten Entwicklung sich ausbildende Kommunikationswege zwischen Mutter und Kind. Sie können verschiedensten Störungen unterworfen sein.  

Bei der Magersucht besteht ein breites Spektrum von kurzzeitigen Phasen der Magersucht über längere Phasen bis hin zu schweren chronischen Verlaufsformen.

Allen gemeinsam ist die idealisierte Vorstellung von einem reduzierten Körpergewicht, begleitet von der oft panischen Befürchtung, zu dick oder auch nur normalgewichtig zu sein. 

An Magersucht erkranken zu 95 % Frauen. Die Annahme, dass die Erkrankung fast ausschließlich in der Pubertät beginne und nach dem 25. Lebensjahr selten werde, musste revidiert werden, auch über dieses Alter hinaus wird die Magersucht des öfteren beobachtet. Es zeichnet sich eine Zunahme der Magersucht seit den 70er Jahren ab. Hier spielen offensichtlich gesellschaftliche Phänomene eine nicht unwesentliche Rolle. Die Magersucht ist eine ernsthafte Erkrankung; bis zu 10 % der Betroffenen kommen auf verschiedene Weise bedingt durch ihre Anorexie zu Tode. Langzeitbeobachtungen weisen auf eine Tendenz zur Chronifizierung hin. 

Die wesentlichen Krankheitszeichen von Patientinnen mit Magersucht sind eine starke Gewichtsabnahme um mehr als 15 % des Normalgewichtes, häufig auch deutlich unter diesen Wert. Fast regelmäßig besteht eine sekundäre Amenorrhoe. Diese kann vor Beginn der Erkrankung auftreten, meist tritt sie zusammen mit dem Beginn der Erkrankung auf. Meistens leiden die Frauen mit Magersucht an chronischen Obstipationen, einer erniedrigten Körpertemperatur, an trockener Haut, trockenen Haaren, vereinzelt an Magenbeschwerden und an Störungen der Blutsalze. 

Kennzeichnend für die Magersucht ist die Störung des Essverhaltens. Die Gewichtsabnahme wird erreicht durch Nahrungsverweigerung, durch spontanes oder induziertes Erbrechen und durch Abführmittelabusus. Die Frauen mit Magersucht beschäftigen sich ständig mit dem Thema Essen und Körpergewicht. Weiterhin betreiben sie eine ausgeprägte sportliche Überaktivität bis zur völligen körperlichen Erschöpfung. Kennzeichnend ist die Verleugnung des Krankheitswertes ihrer Abmagerung. Es besteht eine ausgeprägte Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers mit Verleugnung des Hungers. Häufig begleitet von depressiven Verstimmungszuständen. Depressionen treten bei 50 % der Betroffenen mit Magersucht auf. Weiterhin besteht eine ausgeprägte Kontaktstörung, die Patientinnen leben häufig sozial isoliert, die Fähigkeit zu intensiverem Kontakt, zum emotionalen Austausch sind stark eingeschränkt. Als Folge einer Essstörung treten Störungen im Hormonhaushalt auf.  

Wichtige Aspekte für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Magersucht sind folgende Faktoren:

Die Abwehr der weiblichen Identität. Sie richtet sich gegen die Übernahme der weiblichen Rolle als Frau und Mutter, besonders aber gegen die weibliche Sexualität. Alle hiermit verbundenen Regungen werden unbewusst auf die orale Ebene (Nahrungsaufnahme/Nahrungsverweigerung) verschoben. Die Abwehr des Essens als Kampf gegen den Wunsch nach Verschmelzung mit der Mutter oder als Möglichkeit der Trennung von der Mutter. Im Hunger wird die Abhängigkeit des Ichs von der Natur, vom eigenen Körper und insbesondere von der Fürsorge der Mutter in charakteristischer Weise erlebt. In Nahrungsabstinenz steht aus dieser Sicht im Dienste der Selbstbestrafung. Als unbewusste Formel steht die Nahrung für die Mutter. Durch die Nahrungsabstinenz wird die Gefahr der Verschmelzung mit der Mutter vermieden. Diese Wünsche und Befürchtungen sind in der Regel unbewusst. Ein weiterer wichtiger Aspekt stellt der Kampf um die Gewinnung von Autonomie dar. 

Im Rahmen dieser Kurzdarstellung lassen sich diese psychodynamische Aspekte nur stichwortartig erwähnen. Von der Persönlichkeitsstruktur handelt es sich bei den Frauen, die an einer Magersucht leiden um überdurchschnittlich intelligente Frauen, die zugleich äußerst verletzlich erscheinen. Diese Verletzlichkeit und das Bedürfnis, sich zu schützen, spielen auch in der therapeutischen Beziehung eine maßgebliche Rolle und führen zu wechselseitigen Enttäuschungen und Konflikten.  

Aus diesem Grunde gestaltet sich die Psychotherapie häufig extrem schwierig, sie stellt eine dialektische Aufgabe für alle Beteiligten dar, einerseits die Therapiemotivation sowie die Autonomiebestrebungen zu fördern, andererseits die autodestruktiven Verhaltensweisen aufzuzeigen und zu kontrollieren. Aus diesem Grunde bedarf es eines komplexen Behandlungsplanes mit integrierten Behandlungsangeboten:

·      einer tiefenpsychologisch modifizierten Einzel- und Gruppentherapie

·      einer psychoedukativ orientierten Krankheitsaufklärung sowie

·      einer verhaltenstherapeutisch modifizierten Gewichtsnormalisierung. 

Eine interdisziplinäre Behandlung zwischen Psychotherapeuten, Internisten, Kreativ- und Körpertherapeuten ist heutzutage Standard. 

Bei Patientinnen mit Magersucht kann die Teilnahme an Selbsthilfegruppen den weiteren Genesungsverlauf positiv unterstützen. Bei leichteren Verlaufsformen erscheint eine ambulante Psychotherapie ausreichend, bei schwereren Krankheitsbildern ist in der Regel eine Behandlung auf einer spezialisierten Abteilung einer Psychosomatischen Klinik erforderlich.

O. Rüster
Oberarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie
FA Psychotherapeutische Medizin

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Aktualisiert: Juni 2010

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