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Schuldempfinden

und psychische Erkrankung 

Inhalt

1.
   Zum Begriff der Schuld
2.
   Schuldempfinden in der psychischen Entwicklung
3.
   Schuldempfinden und psychische Erkrankung 

1. Zum Begriff der Schuld 

Der Begriff Schuld kann im rechtlichen und im moralischen Sinne verwandt werden.

Rechtlich geht es um die verantwortliche Urheberschaft für eine Gesetzesübertretung, die mit Strafe belegt ist. Im Zusammenhang mit psychischer Erkrankung spielt der rechtliche Schuldbegriff, insbesondere im Rahmen von Begutachtungen zur Schuldfähigkeit eine Rolle. 

Für die Entwicklung von Schuldempfinden scheint die moralische Dimension der Schuld besonders wichtig zu sein. Moralische Schuld verbindet sich mit der Vorstellung vom sittlichen Unwert, mit Vorstellungen verwerflicher Handlungen, die moralische oder religiöse Gesetze missachten. Häufig spiegelt sich im Begriff der moralischen Schuld die Vorstellung einer Versündigung, einer „Sündenschuld“ wieder. Eine solche Vorstellung setzt voraus, dass ein Mensch sich als ein freies Wesen für das Begehen einer verbotenen Handlung und gegen die Möglichkeit der sittlichen Handlung entschieden hat. Dieses Verständnis moralischer Schuld spielt z. B. in der Entwicklung schwerer depressiver Erkrankungen eine Rolle. Das Selbstbild schwer depressiv Erkrankter wird häufig durch ein Gefühl von Versündigung geprägt, wie im Folgenden noch genauer dargestellt wird.

2. Schuldempfinden in der psychischen Entwicklung 

Der Begriff "Schuldempfinden" wird in der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie in einer sehr weitgefassten Bedeutung verwendet.

Mit "Schuldempfinden" kann ein gefühlshafter Zustand gekennzeichnet werden, der auf eine Handlung folgt, die für den Betroffenen tadelnswert erscheint. Schuldempfinden kann in diesem Zusammenhang mehr oder weniger adäquat sein (Gewissensbisse eines Verbrechers oder scheinbar absurde Selbstvorwürfe). 

Mit "Schuldempfinden" kann auch ein diffuses Gefühl persönlicher Unwürdigkeit ohne Beziehung zu einer bestimmten Handlung gekennzeichnet werden. Das Schuldempfinden meint dann eine diffuse, oft schwerwiegende Selbstanklage des Betroffenen.

Im Rahmen psychoanalytisch orientierter Psychotherapie wird sprachlich etwas ungenau mit Schuldempfinden häufig auch ein System unbewusster Motivationen postuliert und beschrieben. Etwa im Sinne eines unbewussten Strafbedürfnisses soll gekennzeichnet werden, warum jemand unbewusst wiederholt zu Verhaltensweisen neigt, die zu Misserfolgen führen, warum sich jemand unbewusst Leiden auferlegt, selbst anklagt oder entwertet.

Psychoanalytischen Vorstellungen folgend entspringt Schuldempfinden verinnerlichten Beziehungskonflikten der Betroffenen insbesondere zu den frühen Bezugspersonen. Im Rahmen der kindlichen Entwicklung kann Schuldempfinden gewissermaßen als Gegenpol erscheinen zu anwachsenden Strebungen von Intentionalität, Strebungen, etwas selbständig und autonom machen zu wollen, etwas beherrschen und besitzen zu wollen. Die Entwicklung von Schuldempfinden erscheint auch verknüpft mit dem Gewahrwerden des Geschlechtsunterschiedes, der frühen geschlechtlichen Neugier und daraus entspringenden Wünschen und Konflikten gegenüber der Eltern.

So wird die Gewissens- und Charakterbildung eines Kindes und in der Folge des Erwachsenen stark geprägt durch die frühen Bindungserfahrungen. Negative Bindungserfahrungen können in eine dauerhafte negative Gestimmtheit einmünden, so dass der Betroffene zu Minderwertigkeitsgefühlen, Schuldempfinden und in kritischen Situationen zu depressiven Dekompensationen neigt. Dann können den Betreffenden Gefühle und Gedanken prägen, die beispielsweise um das Gefühl der moralischen Schuld, der Schuld aufgrund von Unterlassungen oder auch um eine existentielle Daseinsschuld kreisen.  

3. Schuldempfinden und psychische Erkrankung

Häufig hat das Schuldempfinden eine Verbindung zu unglücklichen Lebensereignissen, Belastungen, Enttäuschungen oder Verlusten. So werden sich Eltern nach der Geburt eines behinderten Kindes sicherlich früh die Frage nach dem Warum stellen. Warum gerade ich oder wir? Wofür müssen wir büßen? Was haben wir falsch gemacht?

Angehörige können in der Begleitung chronischer Erkrankter gewissermaßen verzweifeln und selbst Schuldempfinden entwickeln, da sie Gefühle von Hilflosigkeit und Ärger sowie von Überlastung und Erschöpfung nur schwer verarbeiten können.  

Beschäftigt man sich mit psychischen Erkrankungen, so wird man bei vielen sehr unterschiedlichen Erkrankungen und Erkrankungsformen Schuldempfinden als auslösende und unterhaltende Faktoren wahrnehmen oder zumindest vermuten können. Auch die Abwehr von Schuldempfinden spielt im Rahmen der Entwicklung verschiedener Erkrankungen eine große Rolle. Schuldempfinden oder ihr Fehlen werden z. B. in Zusammenhang mit Depressionen, manischen Erkrankungen, mit Zwangserkrankungen, vielen psychosomatischen Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen diskutiert.  

Beispielhaft soll hier noch einmal auf die Entwicklung von Depressionen eingegangen werden. Reaktive Depressionen können vor dem Hintergrund erlittener Verluste ihren Ursprung haben in blockierten und nicht gelungenen Prozessen der Trauerarbeit. Die Trauer über den Verlust, die Trauer darüber, Träume nicht gelebt zu haben, darüber dass sich z. B. Berufs- und Liebeswünsche nicht erfüllt haben, münden dann ein in ein Erleben des Betroffenen, schlecht zu sein, versagt zu haben, schuldig zu sein. Der Depressive sieht und behandelt sich dann schlecht, rücksichtslos, abwertend und je nach Schwere der Erkrankung hasserfüllt. Beraubt sich der depressive Patient selbst aller positiven Gefühle und Gedanken, dann kann sein Tag ganz durch Schuldempfinden beherrscht sein. Bei schweren Depressionen findet sich der im Artikel eingangs beschriebene moralische Selbstvorwurf häufig in unerbittlicher und manchmal auch in schuldwahnhafter Weise. Die Gefahr der Selbstschädigung und der Suizidalität steigt bei solchen schweren Formen der Depression deutlich an. Das Schuldempfinden erreicht ein Ausmaß, dass es einer Realitätsüberprüfung und einer kritischen Selbstreflexion des Betroffenen nicht mehr zugänglich erscheinen. Derart schwere depressive Erkrankungen brauchen dringlich psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung.

In der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung auch von leichteren Erkrankungen aufgrund von Schuldempfinden ist oft ein geschützter, Sicherheit gebender Rahmen erforderlich, der den Betroffenen eine Vertrauensbildung und eine allmähliche Stabilisation ihres erschütterten Selbstwertgefühles ermöglicht. In der Therapie tiefgehendem Schuldempfinden und daraus resultierenden Erkrankungen müssen häufig psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungsmethoden in differenzierter individueller Weise miteinander vernetzt werden.  

Das Zusammenspiel von Einzelpsychotherapie, Gruppenpsychotherapie, von Entspannungsverfahren und Meditation, von kreativen Therapieverfahren und ggf. auch von medikamentöser Behandlung in geschützten Rahmen einer Rehabilitationsklinik kann den Grundstein legen für eine beginnend positive, entlastende und ressourcenorientierte Entwicklung. Die Abt. Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I verbindet die Möglichkeit eines differenzierten psychotherapeutischen Vorgehens mit der wohltuenden Atmosphäre einer Rehabilitationsklinik. Die Therapie von psychischen Erkrankungen aufgrund von Schuldempfinden erscheint hier besonders gut möglich. 

Dr. med. N. Schmitt
Oberarzt
FA Psychiatrie und Psychotherapie
FA Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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